Wer zum Teufel ist dieser Ernst Abbe?
Ernst Abbe - das unbekannte Genie
In ganz Deutschland gibt es tatsächlich nur vier Ernst-Abbe-Gymnasien.
Eines davon hier in Eisenach. Wo denn sonst, wenn nicht in der Geburtsstadt des großen Wissenschaftlers, Erfinders, Unternehmers und Sozialreformers?
Wäre er nicht zu früh verstorben, hätten wir in Eisenach sogar noch einen Nobelpreisträger, er war dafür nominiert.
Was Abbe erforscht, erfunden, wirtschaftlich erfolgreich gemanagt hat und Soziales (8-Stunden-Tag, bezahlter Urlaub, Krankenversicherung und Pensionsansprüche) für seine Mitarbeiter durchsetzte, aber immer mit der glasklaren Erwartung an ehrliche Leistung, welche Erfolge und Niederschläge er erlebte... Die Fakten und Daten kann man nachlesen, in Kurzform schon bei Wikipedia.
Ein Eisenacher also legte den wissenschaftlichen Grundstein für unsere gegenwärtige digitale Welt: Smartphone, Navi, Internet, KI ....
Der Sohn eines Arbeiters war nicht gerade mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, aber er erfuhr materielle Unterstützung durch die Familie Eichel-Streiber und durch das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Die Leistungsbereitschaft und den Wissenshunger brachte er selbst mit.
Welche menschliche Größe sich hinter dieser Persönlichkeit verbirgt, wieviel Kraft und Durchhaltevermögen, welche Anstrengungsbereitschaft, sittliche Integrität und Wärme, das machten sich Dr. Henriette Müller und Dr. Bernd Dörband, beide Physiker und langzeitige Mitarbeiter bei Carl Zeiss in Jena und Oberkochen, in einem kurzweiligen, sehr anschaulichen und auch kritischen Vortrag an unserer Schule am 19.o3.26 zum Thema.
Sie erzählten auch die "Geschichtchen" zur Geschichte, zur Biographie.
Dieser Namensgeber ist ein echtes Vorbild, ein Leitbild für die Entwicklung junger Menschen auf dem Weg zum höchsten Schulabschluss in Deutschland, bedeutender als manches Sternchen oder fragwürdige Idol, das z. B. in Rankings zu berühmten deutschen Persönlichkeiten ganz oben steht, so die Referenten.
Birge Saalfeld, Schulförderverein
Ernst Abbe - Wissenschaftler, Unternehmer, Mäzen und Philanthrop- ein Mann der Wahrheit und Gerechtigkeit.
Rede zum Gedenken an Ernst Abbe anlässlich seines 175. Geburtstages (geb. 23.01.1840) bzw. des 110. Todestages (gest. 14.01.1905) zur Eröffnung der Ernst-Abbe-Festwoche am 12.01.2015:
Himmel und Erde waren geschaffen. Aber noch fehlte es an dem Geschöpfe, dessen Leib so beschaffen war, dass der Geist in ihm Wohnung machen und von ihm aus die Erdenwelt beherrschen konnte. Da betrat Prometheus die Erde und formte aus dem Ton und Wasser derselben nach dem Vorbild der Götter die ersten Menschen. Er führte sie aus den schattenreich- dunklen Höhlen und lehrte sie die notwendigen Dinge menschlichen Lebens. Als Anwalt der Menschen verteidigte er diese mit List vor seinem Cousin Zeus, ja er überlistete diesen und brachte den Menschen die letzte Gabe, die sie für eine vollendete Gesittung brauchten, das Feuer! Er nahm den langen Stängel des Riesenfenchels, näherte sich mit ihm dem vorüber fahrenden Sonnenwagen und setzte so den Stängel in Brand. Mit diesem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde und bald loderte der erste Holzstoß gen Himmel.
Wie Sie wissen, meine Damen und Herren, war die Rache des Zeus furchtbar.
In ihrer langen Geschichte wurde der Menschheit noch öfter eine Fackel der Erleuchtung (heureka ich habe es!) gebracht.
Im übertragenen Sinne tat dies auch jener Ernst Karl Abbe, der vor nunmehr 175 Jahren hier in Eisenach am 23. Januar in der Sophienstraße geboren wurde und nach dem die Schule in unserer Stadt benannt ist, in der er sein Abitur abgelegt hat.
Ernst Abbe brachte der Menschheit eine gläserne Fackel. Wie kam es dazu?
Nach dem Besuch der Volksschule von 1846-1850 wechselte er mit Unterstützung des Arbeitgebers seines Vaters an die hiesige Realschule. Schon in der Volksschulzeit wurden seine Lehrer auf die außergewöhnlichen Fähigkeiten des jungen Ernst Abbe aufmerksam und empfahlen ihn für eine höhere Schullaufbahn. Woher aber sollte sein Vater Adam Abbe, Vorarbeiter in der hiesigen Spinnerei, das Geld nehmen? Die im 19. Jahrhundert durch fruchtbarstes Mäzenatentum (Theater, Krankenhaus, mehrere Schulgebäude, Diakonissen-Mutterhaus u.a.) in Eisenach geschätzte Familie des Julius von Eichel-Streiber – Besitzer dieser Spinnerei – übernahm das Schulgeld und ermöglichte damit dem begabten Ernst Abbe von 1850 bis 1857 den Besuch der Realschule in Eisenach. Zitat E. Abbe: „Mein Vater war ein Mann von Hünengestalt, einen halben Kopf größer als ich, aber mit 48 Jahren in Haltung und Aussehen ein Greis. Dabei waren die Eisenacher Fabrikherren menschlich hochstehende Leute, wohlwollend und fürsorglich für ihre Arbeiter, wie ich an mir selbst erfahren habe…sie haben den Ruhm für sich, dass sie unter den ersten gewesen sind, die in Deutschland die Verhältnisse gebessert haben…“.
Aus dem erlesenen Kreis der Realschüler ragte der junge Ernst Abbe bald heraus. Seine Tagebucheinträge in den Jahren 1856/57 weisen ein hohes Maß an Selbststudium nach. Täglich, auch an Sonn – und Feiertagen, betrieb er diese Studien, insbesondere mit naturwissenschaftlicher Literatur. Für das Jahr 1858 wurden von ihm 88 Titel an Zusatzliteratur angegeben, zu größeren Teilen ausgeliehen in Bibliotheken sowie bei Lehrern und Mitschülern. Ein vom Schüler Ernst Abbe sehr geschätzter Lehrer war Prof. Ferdinand Senft, der den hochmotivierten Schüler über sechs Schuljahre in Naturkunde, Geographie und Chemie unterrichtete und der ihn darüber hinaus – wie auch andere interessierte Schüler – in seinem von Sammlungen, Präparaten und wissenschaftlichen Apparaten überquellenden Studierzimmer empfing, diesen Bücher schenkte, ihnen Privatunterricht erteilte, um ihr Interesse für diesen oder jenen Zweig der Naturwissenschaften zu wecken. Er kommunizierte auch außerhalb der Schule regelmäßig mit seinen Schülern und das in Zeiten ohne Telefon und Internet.
Professor Senft war nicht nur Wissenschaftler, sondern durch und durch auch Pädagoge. Er begriff die Schule nicht nur als Anstalt für die Bildung des Geistes, sondern insbesondere auch des Charakters. Der ehemalige Lehrer des Realgymnasiums, Dr. Karl Waldmann, stellte Prof. Senft in einer Biographie aus dem Jahre 1938 ein überragendes Zeugnis aus: „Da die unterrichtliche Wirkung eines Lehrers abhängig ist von seinem wissenschaftlichen Niveau und seinem pädagogischen Können, ist es klar, dass die größte Wirkung auf Ernst Abbe während seines Besuches des Eisenacher Realgymnasiums von Senft ausgegangen ist. Da der werdende große Geist von dem bereits entwickelten großen Geist naturnotwendig angezogen wird, wurde der junge Abbe von Senft aufs stärkste beeinflusst. Ich glaube mich keiner Übertreibung schuldig zu machen, wenn ich behaupte, dass Abbe das ungeheure Glück hatte, sieben Jahre lang bei dem besten naturwissenschaftlichen Lehrer Thüringens, der seiner Zeit an einer höheren Schule amtierte, Unterricht zu genießen“.
Nachfolgende Schülergenerationen fanden gerade in Naturwissenschaften an dieser Schule beste Bedingungen vor und wurden von in hohem Maße kompetenten und motivierten Lehrern für die realen Wissenschaften begeistert. (Moritz Stapf, Bornemann, u.a.)
Die Abiturerfolge Ernst Abbes sind folgerichtiges Ergebnis dieses motivierten und zielgerichteten Arbeitens. Anstelle der üblichen 8 Jahre brauchte Abbe zur Erlangung eines glänzenden Reifezeugnisses nur deren 7. Mit 17 Jahren wurde er zu Beginn der Prima zielgerichtet auf einen vorzeitigen Abschluss des Realgymnasiums vorbereitet. In sieben Fächern erhielt er das Prädikat „Recht gut“ (sehr gut), in 3 Fächern „gut“. Besonders seine Arbeit zur geometrischen Optik im Fach Physik wurde von seinen Prüfern mit den Worten hervorgehoben: „Eine ausgezeichnete, bis auf eine Kleinigkeit fehlerlose Arbeit, in welcher die Aufgabe ganz allgemein und mit höherer Mathematik entwickelt ist, was beides nicht verlangt war“.
Welche Reife er mit 17 Jahren erlangt hatte, möge ein Auszug aus seinem englischen Abituraufsatz aus dem Jahre 1857 eindrucksvoll unterstreichen. Sich mit dem Tugendbegriff bei Shakespeare auseinandersetzend „Wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit leuchtet Tugend in Verborgenheit“ führte er folgendes aus:
„Wirkliche Tugend, die in jener reinen Absicht wirkt, ohne äußeren Gewinn zu erhoffen, ist mit der großen Genugtuung, die aus dem Bewusstsein entspringt, seine Pflicht gegenüber Gott und den Mitmenschen erfüllt zu haben. Derjenige, der sein Leben tugendhaft verbringt, keine Belohnung erwartet und nur nach dem hohen Erdenziel strebt, immer vollkommener und dem Schöpfer immer ähnlicher zu werden, ein solcher Mensch ist und bleibt glücklich, auch in dem kleinsten Kreise, der stets groß genug ist, ihm Gelegenheit zu geben, Gutes zu tun, und seine Pflichten zu erfüllen. Ein solcher wird auch nicht versuchen, in der Welt berühmt zu werden, seinen Ruhm zu verbreiten, Bewunderung seiner Tugend oder die Anerkennung seiner Vorzüge zu erregen, deren er sich vor anderen erfreut. Sobald er etwas derartiges tut, ist der Wert seines Lebens und seines Handelns dahin, und was früher Tugend war, ist nunmehr zu bloßer Eitelkeit und Anmaßung geworden.“ Eine abgrundtiefe Bescheidenheit, die er Zeit seines Lebens beispielgebend vorlebte!
Auf Antrag seiner Schule trug mit besonderer Genehmigung der Weimarer Staatsregierung sein Zeugnis den Zusatz: „Zeugnis der Reife zum Abgang auf die Universität“. Dies geschah 1857 erstmalig, sozusagen eine „Lex Abbe“- denn erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Abschlüsse an Realgymnasien gegenüber jenen der humanistischen Gymnasien als gleichberechtigt anerkannt. (Wilhelm II.)
Nachdem Adam Abbe für seinen Sohn vom Fabrikanten Eichel-Streiber eine Freigabe erreicht hatte, ging der Sohn nach Jena, um den ersehnten Traum vom Studium zu verwirklichen, sein Drang zur Erkenntnis bzw. seine Liebe zur Wissenschaft waren übermächtig geworden.
Im Sommer 1857 wurde Ernst Abbe als Studierender der Mathematik in die Listen der Landesuniversität Jena eingetragen. Schon kurze Zeit später gewann er eine ausgeschriebene physikalische Preisaufgabe aus dem Bereich der Thermodynamik an der Universität. Anerkennend äußerte ein Professor der Universität gegenüber Mitstudenten, die nicht so motiviert waren:
„An dem langen Eisenacher können Sie sich ein Beispiel nehmen“! Oft arbeitete er auch weit bis in die Nacht hinein oder er arbeitete durch, weil ihm- nach eigenem Bekunden
„ …zahlreiche Mitbewohner aus dem Tierreich“ das Schlafen unmöglich machten. Verdienter Lohn für diese Anstrengungen war der Gewinn eines zweiten Preisausschreibens mit einer Aufgabe aus dem Bereich der Mechanik. Nachdem ihn in den Jahren des Studiums in Jena (1857-59) die Fabrikantenfamilie des Julius von Eichel-Streiber weiter unterstützt hatte verdiente er sich sein Studium in Göttingen (1857-61) durch das Erteilen von Privatunterricht. Schließlich wurde er auch Assistent an der Sternwarte Göttingen, jenem Göttingen, in dem wenige Jahre zuvor einer der größten Mathematiker aller Zeiten, Carl Friedrich Gauß, verstorben war (1855). Göttingen galt seit dem Wirken von Gauß als das mathematische Zentrum in Deutschland. Folgerichtig promovierte er hier am 23.03.1861 zu dem Thema: „Erfahrungsmäßige Begründung des Satzes von der Äquivalenz zwischen Wärme und mechanischer Arbeit“.
Nach einer Zwischenstation in Frankfurt/Main- Abbe war 1861-62 für den dortigen physikalischen Verein tätig- habilitierte sich Ernst Abbe am 08.08.1863 in Jena zu dem Thema: „Gesetzmäßigkeit in der Verteilung von Fehlern bei Beobachtungsreihen“.
Dazu stellte sein Biograph Auerbach fest: „Abbe war ein Mann von bewundernswerter Prinzipienfestigkeit, Zeit seines Lebens ließ er sich nie von Äußerlichkeiten blenden oder verleiten“ und zitiert dabei aus einem Brief an den Jugendfreund Harald Schütz nach Göttingen aus dem Jahre 1861: „Mit dem Doktorschwindel bin ich endlich fertig geworden- zwanzig riesige Diplome habe ich erhalten- der Vater soll damit die Hundehütte, den Abtritt usw. tapezieren“.
Schon bald wird man in Jena auf den jungen Privatdozenten Ernst Abbe aufmerksam, auch ein gewisser Universitätsmechanikus Carl Zeiss, der sich mit aufwändigen Probierverfahren (Pröbeln- das Prinzip von Versuch und Irrtum, seit 250 Jahren gebräuchlich) beim Bau von einfachen Mikroskopen einen Namen gemacht hatte. Diese reichten nunmehr bei Weitem nicht mehr aus, um die gestiegenen Ansprüche, insbesondere der Medizin, zu erfüllen. Die feinmechanisch-optische Werkstätte von Carl Zeiss wurde 1846 in Jena zu einer Zeit gegründet, da die aufblühende deutsche Naturwissenschaft und Medizin einen wachsenden Bedarf an hochauflösenden optischen Hilfsmitteln zur Beobachtung des Mikrokosmos hatten. Zeiss war davon überzeugt, dass es zur Ermittlung der einzelnen Elemente optischer Systeme einen wissenschaftlichen Weg geben musste. Es war sein Verdienst, dies einerseits zu erkennen, und dass zur Bewältigung dieser Aufgabe es eines Genies vom Format eines Frauenhofers bedurfte, um diese anspruchsvollen mathematischen und physikalischen Aufgaben zu lösen.
1866 gewann Zeiss den jungen Privatdozenten am Physikalischen Institut der Universität Jena, Ernst Abbe, für die Aufgabe, Mikroskop-Objektive zu berechnen. Damit begann eine über Jahrzehnte währende, außerordentlich fruchtbare Zusammenarbeit. Nach zahlreichen Versuchen wandte sich Abbe der Berechnung von optischen Systemen zu. Zwischen 1866 und 1871 stößt Abbe auf ein bisher völlig unerforschtes Gebiet vor.
Ich zitiere das „Korrespondierende Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin“, Dr. Ing. Hugo Schrade, zugleich Werkleiter in Jena, aus einem Beitrag zu Abbes 50. Todestag, 1955:
„Mit der ihn auszeichnenden wissenschaftlichen Gründlichkeit des ernsten Forschers und mit der Zähigkeit und Hartnäckigkeit des unerbittlichen Wahrheitssuchers studierte Abbe die bis dahin vorhandene Literatur und experimentierte mit den besten Mikroskopen der Zeit, prüfte ihre Abbildungseigenschaften und ihren Aufbau. In unermüdlicher Rechenarbeit entdeckte er eine einfache Beziehung zwischen Apertur (Maß für die Strahlenaufnahmefähigkeit eines Mikroskop-Objektives) und Vergrößerung, die nach ihm benannte, „Sinusbedingung“, ein optisches Kriterium von fundamentaler Bedeutung für alle optischen Systeme“.
Abbe entwickelte nicht nur eine vollständige Theorie der Bilderzeugung in optischen Systemen, sondern er zeigte auch in seiner „Beugungstheorie“ der mikroskopischen Abbildung im Jahre 1871, wo die Grenzen der Leistung der Lichtmikroskope lagen.
Deren Richtigkeit bewies er durch zahlreiche Versuche.
Damit wurde er zu einem „Gaus der Optik“!
Die Naturwissenschaftler waren von Abbes neuen Mikroskopen begeistert. Ein Qualitätssprung in der Forschung konnte eingeleitet werden.
Welche gläserne Fackel brachte er damit den Menschen? Der durch ihn auf wissenschaftliche Füße gestellte Apparatebau mit neuen optischen Gläsern ungeahnter Reinheit (Otto Schott, Glaschemiker aus dem Rheinland trug ebenfalls wesentlich dazu bei) ermöglichte erst die Erforschung des Mikrokosmos, die Entwicklung der Bakteriologie und damit die Eröffnung neuer Präventionsstrategien gegen heimtückische und bis dahin oft tödlich verlaufende Krankheiten. Nicht umsonst hat sich der preußische Abgeordnete im Reichstag, Arzt und Pathologe, Rudolf Virchow, für eine staatliche Unterstützung der Forschungen Abbes eingesetzt. Ernst Abbes „gläserne Fackel“ half den Menschen, sich von einer Geißel der Menschheit zu befreien, die Erreger tödlich verlaufender Infektionskrankheiten zu erkennen und damit zu besiegen.
Sein Credo lautete dabei: „Nichts ist praktischer als die Theorie“.
Ernst Abbe war von einem unerbittlichen Forscherdrang erfüllt, am Ende seines Lebens verdankte ihm die praktische Optik nicht weniger als 50 bedeutende Erfindungen bzw. Entdeckungen. Als ihn sein Freund Carl Zeiss 1871 über die Anerkennung in der internationalen Fachwelt und auch die finanzielle Relevanz seiner Initialentdeckung unterrichtete, meinte Abbe: „Ich glaube ein Affe hätte mich geleckt. Und da hätte ich dann ein einfältiger Tor, ein dummer Egoist sein müssen, wenn ich jemals auf den Gedanken hätte kommen sollen, dass der Vorteil mein ausschließliches persönliches Verdienst wäre…“.
Trotzdem sah Ernst Abbe auch die Grenzen der Erkennbarkeit geometrischer Strukturen zu seiner Zeit. „Wenn es gelänge, Strahlen weit kürzerer Wellenlänge anzuwenden, würde man bei der Beobachtung feinster Objekte noch viel weiter kommen können.“ Seine weiteren Schlussfolgerungen sind bemerkenswert:
„Es bleibt natürlich der Trost, dass zwischen Himmel und Erde noch so manches ist, von dem sich unser Unverstand nichts träumen lässt. Vielleicht, dass es in der Zukunft dem menschlichen Geist gelingt, sich noch Prozesse und Kräfte dienstbar zu machen, welche auf ganz anderen Wegen die Schranken überschreiten lassen, welche uns jetzt als unübersteigbar erscheinen müssen.“
Eine weise Sicht der subjektiven Bedingtheit der Erkennbarkeit dessen, was die Welt in ihrem Innersten zusammen hält.
Denn: Natürlich wurden im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert die Grenzen diesbezüglich weiter verschoben. Bei der Bildentstehung im Mikroskop wird in der klassischen Lichtmikroskopie die Auflösungsgrenze, kurz Abbe Limit genannt, irgendwann erreicht. Durch die Entwicklung der superauflösenden Fluoreszenzmikroskopie, beginnend in den 80- er Jahren des 20. Jahrhunderts, konnte das Auflösungsvermögen bis zu einem vierzigsten der optischen Auflösungsgrenze gesteigert werden. Dafür erhielten die Amerikaner Robert Eric Betzig, Stefan Hell und William Moerner am 08.10.2014 den Chemie- Nobelpreis.
Auch auf dem Gebiet der Astronomie können sich Abbes wissenschaftliche Leistungen sehen lassen.
So leistete er nach seiner Beteiligung als Teilhaber an den Zeiss-Werken bzw. an der Optischen Werkstätte einen wesentlichen finanziellen Beitrag zum Neubau der Jenaer Sternwarte und war ab 1877 deren Direktor. 1894 schrieb er wissenschaftliche Abhandlungen, z.B. „Über die Entstehung von Kometen und Meteoriten aus Planeten“ oder über das Doppelfernrohr.
Abbes erfolgreiche wissenschaftliche Tätigkeit mündete in der Mitgliedschaft zahlreicher Akademien (Leopoldina, Königlich- Sächsische Akademie, Königlich- Bayrische Akademie, Royal-Microscopical-Society London usw.), verbunden mit zahlreichen weiteren Ehrungen.
Abbes Lebensinhalt war die Suche nach Wahrheit und sein Ziel die Gerechtigkeit, er war beseelt vom Gedanken der Freiheit, „denn nur in ihr kann sich der schöpferische Mensch verwirklichen.“ (Freisinniger Verein)
Gleichzeitig war er ein zutiefst bescheidener, von großer Güte und Hilfsbereitschaft gekennzeichneter Mensch. Sein soziales Handeln ist für das 19. Jahrhundert wahrlich „prometheushaft“ menschlich und zukunftsweisend gewesen. Ich zitiere Ernst Abbe:
„Die Gesinnung soll niemals durch einen Arbeitsvertrag beeinflusst werden, das Kapital soll nicht Herr der Arbeit, sondern sein Diener sein!“, so zitiert ihn sein Biograph Auerbach ebenso wie mit der Aussage, dass Abbe ein Regulator sein wolle zwischen Kapital und Arbeit. Zitat Abbe: „Was an Unternehmereinkommen bezogen wird, das soll der Allgemeinheit wieder zufließen, es gehört nicht denen, die dank ihrer Kapitalmacht dieses Eigentum beziehen“.
Damit wolle er ein Korrektiv liefern gegen „…gewisse zerstörende Wirkungen der unkontrollierten privatkapitalistischen Produktionsweise.“ Welche moralischen Welten liegen damit zwischen einem Ernst Abbe und so manchem skrupellosen heutigen Geschäftsführer oder gar Hedge-Fonds Manager?
Ernst Abbe konnte sich sozialen Fortschritt nur im Kontext mit technischem Fortschritt vorstellen, der beste soziale Schutz für die Schwachen bestehe in der Förderung der Leistungsfähigen! Diese Förderung betrieb er in seiner Firma, aber auch darüber hinaus (z.B. Universität Jena) mit aller Konsequenz. Ein Jahr nach dem Tode des Freundes und Geschäftspartners Carl Zeiss schuf Ernst Abbe 1889 die Carl Zeiss-Stiftung. Er wollte verhindern, dass das Werk, das er gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner begründet hatte, durch eine mögliche Erbteilung zugrunde ging. Den Stiftungszweck fasste er u.a. mit folgenden Worten: Zitat:
Zur langfristigen Sicherung des Werkes übertrug er seine Geschäftsanteile von Zeiss und Schott 1891 auf die Stiftung, Roderich Zeiss erhielt dafür nach längeren Verhandlungen eine Abfindung.
Gemäß Stiftungsstatut musste jedem Arbeiter ein fest vereinbarter Mindestlohn gezahlt werden, verbunden mit einer jährlichen Lohn -und Gehaltsnachzahlung in Abhängigkeit vom wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Sechs Tage vom jährlich zustehenden 14-tägigen Urlaub wurden bezahlt und Mitarbeiter, die vor dem 40. Lebensjahr in die Firma eingetreten waren, hatten nach 5 Jahren Betriebszugehörigkeit einen Anspruch auf Invalidenrente oder Alterspension. Seit 1875 bestand eine Betriebskrankenkasse und das Zeiss Werk führte 1900 den Achtstundentag ein.
„Zeissianer“ zu sein, war etwas Besonderes, die ungewöhnlichen Eigentumsverhältnisse des Unternehmens, die hervorragende fachliche Ausbildung, die konkurrenzlosen Qualitätserzeugnisse, die sozialen Privilegien ließen unter der Belegschaft eine besondere Mentalität entstehen. Um diese für jene Zeit wohl einmaligen Privilegien für die Arbeiter zu erhalten, bedurfte es eines beständigen wissenschaftlich-technischen Vorlaufes im Unternehmen.
Dazu gehörte eine hochqualifizierte und hochmotivierte Stammbelegschaft ebenso, wie die Förderung von Lehrstühlen, Instituten und Forschungsprojekten an der Universität Jena, große Teile des Gewinns wurden für Weiter-und Neuentwicklungen reinvestiert, auch in Gebäude der Universität.
Ernst Abbe lebte schon lange vor deren theoretischer und praktischer Einführung Sozialpartnerschaft und soziale Marktwirtschaft in bester Weise beispielgebend vor. Allerdings lehnte er die Sozialismus-Vorstellungen seiner Zeit als wirtschaftliche Theorie mit Schärfe ab, gleichzeitig wandte er sich aber auch gegen die Unterdrückung dieser Bewegung.
Er ermöglichte seinen Arbeitern zum Beispiel die Teilnahme an Maifeiern oder das Abhalten von Versammlungen im Volkshaus Jena. Ernst Abbe stand mit Leidenschaft auf der Seite der Freiheit, er hasste bzw. verurteilte nichts schärfer als die Verfolgung anders Gesinnter aus religiösen oder politischen Überzeugungen heraus. Schon als Achtjähriger versteckte er mit seinem Vater Verfolgte der Revolution von 1848/49 in der Burgmühlenwohnung in Eisenach. Seine Hochzeit mit Elise Snell, der Tochter eines seiner Professoren, fand am 24.09.1871, zum Kummer seines Schwiegervaters, ohne kirchliche Trauung statt. Eine interessante Gelehrtenfamilie übrigens: Pfarrer, Ärzte, Apotheker, Ratsherren usw. kamen in ihr vor. Helmrich Mencke aus Oldenburg (1609-1669) war ein gemeinsamer Stammvater für Carl Snell und Otto von Bismarck. Auch eine Verbindung acht Generationen zuvor zur Familie von Katharina Elisabeth Textor wurde von fleißigen Genealogen ermittelt.
Trotz zunehmender gesundheitlicher Probleme arbeitete Ernst Abbe täglich bis spät in die Nacht hinein an der Weiterentwicklung seines Lebenswerkes, seiner Ideale.
Wer konnte es besser ausdrücken als der ihm sich verbunden fühlende Jenaer Professorenkollege Ernst Haeckel: „ Der angebliche Materialist Ernst Abbe war in Wahrheit der größte Idealist. Ich habe keinen anderen Mann kennengelernt, der in dieser Weise furchtlos und unentwegt die letzten Konsequenzen des Denkens und Forschens zog und in seinem ganzen Leben in dieser Weise vertrat. In der so besonders hervorgehobenen Selbstlosigkeit des furchtlosen Wahrheitsforschers, sich selbst nur als Organ der Menschheit zu sehen, hat er uns allen ein leuchtendes Beispiel gegeben. Möge sich die jüngere Generation diese seltene Vereinigung von wissenschaftlicher Forschung und technischem Können, von unentwegtem Streben nach Wahrheit, Recht und wahrer Sitte als leuchtendes Beispiel immer vor Augen halten!“ Zahlreiche Ehrungen wurden ihm im höheren Alter zuteil, u.a. wurde er 1902 Ehrenbürger der Stadt Jena und Otto Wiener bzw. Adolph Winkelmann schlugen ihn 1904/05 für den Physik-Nobelpreis vor, leider verhinderte sein zu früher Tod dies.
Selbst der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Professor Theodor Heuss, hat in einer Biographie aus dem Jahre 1953 Abbes Lebensleistung mit überragenden Worten gewürdigt, hier ein Zitat:
„Dieser Abbe hat eine Wissenschaft revolutioniert. Seine geschichtliche Stellung ist durch die einzigartige Verbindung strenger Forschungsarbeit mit technischem Erfindergeschick und geschäftlichem Organisationsgeschick bestimmt. Sie ließ ihn zum Begründer der Weltstellung der deutschen optischen Industrie werden. Fast noch großartiger ist der Eindruck von Abbes sozialpolitischem Reformwillen in der Verbindung von ethischem Rigorismus gegenüber den Gelddingen und sachlicher Unbefangenheit vor der neuzeitlichen Arbeiterbewegung“.
Meine Damen und Herren,
deshalb lautet mein Credo: Mehr Ernst Abbes braucht das Land!
Am 14. Januar 1905 starb Ernst Abbe in Jena. An seiner Bahre hielten die Arbeiter der Zeiss-Werke aus freien Stücken Totenwache, tausende kamen zum Begräbnis.
Am 05. Februar 1911, einem Montag, wurde um 12.00 Uhr feierlich eine aus Bronze gegossene Büste Ernst Abbes in Jena geweiht. Die Festrede hielt der für Kultus in Sachsen-Weimar-Eisenach zuständige Staatsminister Dr. Carl Rothe:
„Ernst Abbe- welche Fülle bedeutsamer Erinnerungen verbindet sich mit diesem Namen“, lautete die Überschrift.
Erinnerungen, meine Damen und Herren, die es wert sind, auch in Ernst Abbes Geburtsstadt öfter seiner zu gedenken, nicht nur alljährlich zwischen Todes -und Geburtstag in jener Schule, die seinen Namen mit Stolz trägt und in die er einmal gegangen ist, sondern- so ist zu wünschen- auch durch Kommune und Stadt, deren größter gelehrter Sohn des 19. Jahrhunderts er zweifellos war. Er hätte es wahrlich verdient!
Gerhard Lorenz
Ehemaliger Schulleiter des Ernst Abbe Gymnasiums Eisenach
Größter gelehrter Sohn der Stadt Eisenach im 19. Jahrhundert
Der am 23. Januar 1840 als Sohn des Spinnereiarbeiters Adam Abbe in der Eisenacher Sophienstraße geborene Ernst-Abbe war nach Werner Schmid "...eine jener Gestalten, in denen sich deutsche Gründlichkeit mit höchstem sittlichem Ernst und tiefstem Verantwortungsbewußtsein sowie menschlicher Güte paarten."
Zweifellos war er einer der bedeutendsten Wissenschaftler aber auch Sozialreformer, die in Deutschland im 19. Jahrhundert gewirkt haben. Schon bald wurden seine Lehrer auf die außergewöhnlichen Fähigkeiten des jungen Ernst aufmerksam. Sie empfahlen ihn für eine "höhere Schullaufbahn", woher aber sollte Vater Abbe das Geld nehmen? Nicht ohne Grund ermöglichte die Familie von Eichel - Besitzer der Spinnerei, in welcher Vater Abbe arbeitete - durch Übernahme des Schulgeldes dem begabten jungen Ernst Abbe den Besuch der Realschule von 1850 bis 1857 in Eisenach.
Aus dem erlesenen Kreis der Realschüler ragte Ernst Abbe durch seine besonderen Fähigkeiten bald heraus. Seine Tagebucheintragungen in den Jahren 1856/57 weisen ein hohes Maß an Selbststudium nach. Täglich, auch an Sonn- und Feiertagen, betrieb er diese Studien, insbesondere mit naturwissenschaftlicher Literatur. Für das Jahr 1856 wurden 88 Titel an Zusatzliteratur angegeben, zu größeren Teilen ausgeliehen in Bibliotheken, bei Lehrern und Mitschülern. Die Abiturerfolge Ernst Abbes sind folgerichtiges Ergebnis dieses zielgerichteten Arbeitens. Anstelle der üblichen 8 Jahre brauchte Abbe zur Erlangung eines glänzenden Reifezeugnisses nur deren 7. Mit 17 Jahren wurde er zu Beginn der Prima zielgerichtet auf einen vorzeitigen Abschluß des Realgymnasiums vorbereitet. In sieben Fächern erhielt er das Prädikat "Recht gut" (sehr gut), in 3 Fächern "gut" . Besonders seine Arbeit zur Geometrischen Optik im Fach Physik wird von seinen Prüfern hervorgehoben: "Ausgezeichnete, bis auf eine Kleinigkeit fehlerlose Arbeit, in welcher die Aufgabe ganz allgemein und mit höherer Mathematik entwickelt ist, was beides nicht verlangt war".
Ernst Abbes Zeugnis trug mit ausdrücklicher Erlaubnis der Weimarer Staatsregierung die erweiterte Bezeichnung: "Zeugniß der Reife zum Abgang auf die Universität". Dieses Prädikat wurde für einen Realschüler zum ersten Mal erteilt, etwa 35 Jahre, bevor die allgemeine Gleichstellung der Abschlüsse zwischen Realgymnasien und humanistischen Gymnasien in Deutschland erfolgte. Nachdem Adam Abbe gemeinsam mit seinem Sohn vom Fabrikanten Eichel eine Freigabe erreicht hatte, ging der Sohn nach Jena, um den ersehnten Traum vom Studium zu verwirklichen. Sein Drang zur Erkenntnis bzw. seine Liebe zur Wissenschaft waren übermächtig geworden.
Aber: Ernst Abbe war nicht nur herausragender Schüler des Eisenacher Realgymnasiums, der an Stelle der üblichen 8 nur 7 Jahre zur Erlangung des Reifezeugnisses brauchte, er war nicht nur der Student, der die Nächte im verschlafenen, 6800 Einwohner zählenden Universitätsstädtchen Jena u.a. deshalb durcharbeitete, weil zahlreiche Mitbewohner aus dem Tierreich ihm das Schlafen unmöglich machten, er war nicht nur der Student der sich bei zwei Preisausschreiben der Universität den ersten Preis holte - Ernst Abbe war viel mehr. In ihm schlug das Herz eines freien Menschen, der als Kind in der Eisenacher Burgmühlenwohnung Revolutionäre der gescheiterten 48iger Revolution versteckte, auf den das soziale Elend vieler Arbeiterfamilien einen lebenslang prägenden Eindruck hinterließ und an dessen Bahre 1905 Arbeiter der Zeiß-Werke aus freien Stücken Totenwache hielten. Ernst Abbe lebte Sozialpartnerschaft und soziale Marktwirtschaft lange vor deren theoretischer und praktischer Einführung in bester Weise persönlich beispielgebend vor. Ernst Abbe lehnte den Sozialismus als wirtschaftliche Theorie mit Schärfe ab, mit ebensolcher Schärfe wandte er sich gegen die Unterdrückung dieser Bewegung. Er ermöglichte seinen Arbeitern schon vor über 100 Jahren die Teilnahme an Maifeiern oder das Abhalten von Versammlungen im Volkshaus. Ernst Abbe stand mit Leidenschaft auf der Seite der Freiheit, er hasste bzw. verurteilte nichts schärfer als die Unterdrückung Andersgesinnter. Dieser Freiheitsdrang hatte ihn auch veranlasst, aus der Landeskirche auszutreten. So findet folgerichtig am 24. September 1871 ohne kirchliche Trauung - dem Schwiegervater und gelehrten Freund Prof. Snell war es gar nicht recht - die Hochzeit statt. Sein erster Biograph Auerbach schreibt, dass Abbe nichts mehr hasste als die Verfolgung anders Denkender aus religiösen oder politischen Überzeugungen heraus. Gleichsam regte er sich auch dann mächtig auf, wenn Personen, die er schätzte, sich solchen Zuständen beugten. Werner Schmid - ein Biograph aus Zürich spricht sogar "vom Hass auf das Zylinderchristentum" - Abbe sei ein Gegner aller leeren Formen und Formeln gewesen. Das Gebot des Artikel 1 Grundgesetz, "die Würde des Menschen ist unantastbar" war für ihn Leitstern zum Handeln: "Die Gesinnung soll niemals durch einen Arbeitsvertrag beeinflußt werden dürfen."
Abbe war Mäzen, Philantrop, Menschen- und Arbeiterfreund ebenso, wie ein Mann von bewundernswerter Prinzipienfestigkeit, stellte Auerbach fest. Zeit seines Lebens ließ er sich nie von Äußerlichkeiten blenden oder verleiten:,,Mit dem Doktorschwindel bin ich endlich fertig geworden - zwanzig riesige Diplome habe ich erhalten - der Vater soll damit die Hundehütte, den Abtritt usw. tapezieren",, schreibt er 1861 an seinen Jugendfreund Harald Schütz nach Göttingen. Eben jenem Harald Schütz, dem er in seinen Briefen auch über so manchen feucht fröhlichen Bierabend in Eisenach oder Jena berichtete.
Ernst Abbe war von einem unerbittlichen Wahrheits- und Forscherdrang erfüllt - er wußte, dass sein Wissen nur Bruchstück einer größeren umfassenderen Wahrheit war - danach zog es ihn, danach strebte er, so ist nur zu erklären, dass er nach anfänglichen Mißerfolgen die Gesetze fand, die in Linsen auf die Lichtstrahlen wirken. Am Ende seines Lebens verdankte ihm die praktische Optik nicht weniger als 50 bedeutende Erfindungen bzw. Entdeckungen sowie die Stadt bzw. Universität Jena so manche Zuwendung. Als ihn sein Freund Carl Zeiss über die finanzielle Relevanz seiner Initialentdeckung 1871 unterrichtete, meint Abbe: ,,Ich glaube ein Affe hätte mich geleckt. Und da hätte ich dann ein einfältiger Tor, ein dummer Egoist sein müssen, wenn ich jemals auf den Gedanken hätte kommen sollen, dass der Vorteil mein ausschließliches persönliches Verdienst wäre,,.
Sein plötzlicher Millionenbesitz beunruhigte ihn - "Besitz verpflichtet" war nunmehr sein Credo. "Was an Unternehmereinkommen bezogen wird, das soll der Allgemeinheit wieder zufließen, es gehört nicht denen, die dank ihrer Kapitalmacht dieses Eigentum beziehen." Abbe wollte Regulator sein für das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit und ein "Korrektiv" liefern gegen "gewisse zerstörende Wirkungen der unkontrollierten privat-kapitalistischen Produktionsweise." Ernst Abbe konnte sich sozialen Fortschritt nur im Kontext mit technischem Fortschritt vorstellen, der beste soziale Schutz für die Schwachen bestehe in der Förderung der Leistungsfähigen!
Am 5. Februar 1911, einem Montag, wurde um 12.00 Uhr feierlich eine aus Bronze gegossene Büste Ernst Abbes in Jena geweiht. Die Festrede hielt der für Kultus in Sachsen - Weimar - Eisenach zuständige Staatsminister Dr. Carl Rothe: "Ernst Abbe - welche Fülle bedeutsamer Erinnerungen verbindet sich mit diesem Namen" lautete die Überschrift.
Erinnerungen, die es wert sind, auch in Abbes Geburtsstadt öfter seiner zu gedenken, nicht nur alljährlich zwischen Geburts- und Todestag in der Schule, die seinen Namen mit Stolz trägt, sondern - so ist zu wünschen - durch Kommune und Stadt, deren größter gelehrter Sohn des 19. Jahrhunderts er unbestritten war.
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